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So. Viele wissen ja, dass ich gerne schreibe, und davon hab' ich hier mal was raufgemacht.
Die Geschichten ist ungefähr zwei Jahre alt.
Sie handelt von einem Mädchen, das in beschissenen Verhältnissen lebt. Lest es euch durch, wenn ihr Zeit und Interesse habt .


Erschrocken sah das Mädchen durch das Fenster auf die große Digitaluhr, die auf dem Bahnsteig stand; 19:56 Uhr. Der Zug hatte eine knappe Stunde vorher in Witzdorf, einer kleinen Vorstadt von Neumünster, ankommen sollen. Also höchstwahrscheinlich ist er das auch.

Dort hätte das Mädchen aussteigen müssen. Aber es war wohl eingeschlafen und hatte es versäumt auszusteigen. Eigentlich hätte es ihm klar sein müssen, dass das geschehen würde. Die letzten Nächte hatte es nicht sonderlich viel Schlaf gefunden, da der Vermieter sie mit neuen Nachbarn beglückt hatte, die es anscheinend nach zwei Wochen immer noch nicht geschafft hatten, ihren Kram in die Wohnung zu bringen. Dies war, wie das Mädchen fand, einen Eintrag in das „Guinnessbuch der Rekorde“ wert, da die Wohnung aus drei Zimmern von jeweils maximal zwölf Quadratmetern bestand.

„Malina, hey, Malina!“ stotterte eine Stimme hinter dem Mädchen. „Ah, Hendrik“, antwortete sie, „bist du auch eingeschlafen oder warum bist du noch im Zug?“ „Nee“, lächelte Hendrik, der sichtbar froh schien, jemanden gefunden zu haben, den er kannte und so nicht alleine nach Hause kommen musste, womit er auch absolut überfordert gewesen wäre, „die haben mich in der Toilette eingesperrt.“ Er versuchte erneut zu lächeln, was ihm jedoch nicht ganz gelang. Malina konnte es ihm nachfühlen. Er wurde zu jeder Gelegenheit von ihren Klassenkameraden schikaniert. In ihr kam schon wieder dieser Zorn gegen all' die oberflächlichen Idioten auf. Nur weil Hendrik nicht ihrem Idealbild, mit seiner Brille, dem Seitenscheitel und den Klamotten des Vaters, entsprach. Er war ihnen einfach nicht "cool" genug. Was sagte dieses dumme Wort, das vielen so viel bedeutete, schon über den einzelnen Menschen aus?

„Und du? Du bist eingeschlafen?“ fragte Hendrik jetzt. „Ja“, sagte sie lahm, denn die Müdigkeit hatte trotz des anscheinend zweistündigen Schlafes nicht nachgelassen, „komm', lass' uns aussteigen und uns nach dem nächsten Zug nach Witzdorf erkundigen.“ Bevor sie dies taten, schnappte sich Malina noch die pinke Eastpack-Tasche auf der Bank gegenüber, die Janine vergessen hatte. Dass Malina nicht von ihr geweckt worden war, nachdem der Zug nach dem langweiligen Klassenausflug an ihrer Ausstiegsstelle gehalten hatte, verwunderte sie keinesfalls, da sie mindestens genauso unbeliebt in der Klasse war wie Hendrik, was sich in ihrem Fall allerdings durch Ignoranz widerspiegelte.

Am liebsten mochte sie sowieso das Alleinsein. Ihr war die Meinung anderer über sie vollkommen egal. Schon seit dem Kindesalter kannte sie es so. Freunde, die hatte sie in ihren ersten 15 Lebensjahren nie gahabt. Von zu Hause hatte sie es auch nie gelernt, Beziehungen aufzubauen. Bei so einer Familie, wie Malina sie hatte, war das auch nicht verwundernswert. Ihr Vater war abgehauen, als sie noch ganz klein war. Sie hatte weder Namen noch irgendein Anzeichen, wo er sich zur Zeit aufhielt. Birgit Weber hatte fast jede Woche einen neuen Freund und interessierte sich schon immer einen Scheißdreck für ihre Kinder.

„Ehm, Malina“, stotterte Hendrik, während sie den Bahnsteig entlang gingen, „da ist ein Schaffner.“ „Gut“, sagte Malina und ging zu ihm hinüber. Sie wusste genau, dass Hendrik nie den Mut gefunden hätte, jemand Fremden Auskunft zu entlocken.

„Der nächste Zug kommt erst in einer Stunde“, berichtete Malina und ging auf die kleine Überdachung neben dem Fahrkartenautomaten zu, „das heißt, wir kommen frühestens um 22:00 Uhr zu Hause an.“ „Ich habe kein Geld mehr auf dem Handy“, flüsterte Hendrik und schien den Tränen nahe, „was soll ich denn jetzt machen? Mama und Papa machen sich bestimmt Sorgen.“

Da saß er nun. Mit seinen 16 Jahren, zitternd und der Brille schief auf der Nase sitzend. Malina mochte ihn aus ihrer Klasse mit Abstand am liebsten, ohne Frage, was jedoch nicht viel bedeutete. Doch seine Art war schon manchmal schwierig. Zudem wusste sie in solchen Situationen nie, was sie sagen oder machen sollte. Sie konnte nichts Aufbauendes sagen, wenn sie nicht selbst davon überzeugt war. Und da sie sich dessen sicher war, was Hendrik vermutete, traf das wieder zu. Wie sie seine Eltern einschätzte, würden sie jeden ihrer Klassenkameraden anrufen und feststellen, dass sie alle längst sicher zu Hause angekommen waren. Selbst wenn sie versuchen würden, zu Frau Weber Kontakt aufzunehmen, wären sie nicht beruhigter. Auf jeden Fall würde es Malina sehr wundern, wäre ihre Mutter zu Hause. Da ihr also nichts Besseres einfiel, sagte sie nur: „Ich würde dir ja eins geben, wenn ich eines hätte."

Sie ließ sich neben ihm nieder und zog ihren Schal höher. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Es war zwar bitter kalt, doch sie liebte den Winter und es war Mitte November. Sie sah in den Himmel und spürte ein paar Schneeflocken auf ihr Gesicht wehen. Ganz sanft, doch das reichte schon, Glücksgefühle in ihr auszulösen.

Um 22:04 Uhr standen die beiden dann endlich am richtigen Bahnhof. Malina verabschiedete sich von Hendrik, der nun eilends versuchte, eine Telefonzelle aufzutreiben, um sich abholen zu lassen und seinen Eltern zu übermitteln, dass er wohlauf war.

Sie holte ihre Inliner aus dem alten Rucksack und fuhr Richtung Merchenweg. Ein Fahrrad besaß sie nicht, also blieb ihr nichts anderes übrig, ihre Ziele mit den Inlinern zu erreichen, die einst Till, ihrem großen Bruder, gehörten.

Drei Brüder hatte sie, die alle älter waren. Vielleicht waren manche auch nur Halbbrüder, sie wusste es nicht. Es war ihr auch vollkommen egal. Sie benutzte das Wort "Bruder“ sowieso für keinen der drei gerne, denn mit diesem Wort verband sie immer wenigstens irgendeine Verbindung zueinander, die sie aber mit keinem von ihren hatte. Till wohnte sowieso nicht mehr bei ihnen. Er war schon vor vier oder fünf Jahren abgehauen, was sie ihm nicht verübeln konnte. Er war jetzt 22 oder vielleicht auch 23 Jahre alt.

Ihr zweitältester Bruder war Gerd. Er war furchtbar dumm und hatte weder einen Schulabschluss noch einen Job. Sie wusste, dass nur Letzteres der Grund war, dass er mit seinen 19 Jahren immer noch zu Hause wohnte, da er niemals genug Geld anschaffen könnte, um davon zu leben. Doch auch das Geld, was Frau Weber als Kellnerin verdiente, reichte hinten und vorne nicht für vier Personen, deswegen könnte Gerd sich wenigstens mal darum bemühen, eine Arbeitsstelle zu finden, anstatt den ganzen Tag auf der Couch zu sitzen und zu essen. Aber andersrum, was würde es bringen? Der Typ, der ihren Bruder einstellen würde, müsste schon noch kaputter sein als Gerd, und sie zweifelte stark daran, dass dies überhaupt denkbar war.

Dann gab es noch Marco. Er war 17 Jahre alt und ging in die letzte Klasse der Realschule, doch es würde sie sehr wundern, wenn er überhaupt den Abschluss schaffen würde. Er machte die Klasse schon zum zweiten Mal und das war kein Wunder, da er sich überhaupt nicht auf die Schule konzentrierte oder über die Zukunft nachdachte. Außerdem spritzte er sich Heroin. Naja, er habe längst aufgehört, versicherte er – wollte sich das wohl selbst einreden.

Wie schon gesagt, hatte sie zu keinem der drei eine Verbindung, die man "Verhältnis“ nennen konnte, doch für Marco empfand sie wenigstens ab und zu so etwas wie Mitleid. Vielleicht auch nur deshalb, da er sich selbst immer kaputter machte und schon einige Male für kürzere Zeit im Gefängnis wegen "Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz“ gessen hatte. Doch sie war sich sicher, dass er keine Chance und keinen Ehrgeiz mehr hatte, aus dieser Scheiße wieder herauszukommen und daran zu Grunde gehen würde. Das war nur eine Frage der Zeit.

Jetzt stand sie vor der Tür des Mehrfamilienhauses im Merchenweg. Schon dort hörte sie Lärm, der auf die Auseinandersetzungen der Bewohner oder der Betrunkenen zurückzuführen war. Das war der Alltag dieses Wohngebietes und Malina kümmerte sich nicht darum. Hier wohnten nur irgendwelche kaputten Typen. Sie kramte den Haustürschlüssel hervor, schloss auf und trottete zur Haustür Nr. 76 im zweiten Stock.

Zu Malinas Verblüffung saß nicht Gerd, sondern Marco auf dem Sofa. Dass er überhaupt zu Hause war, wunderte sie schon, da dies nicht sonderlich oft der Fall war. Und dass Gerd nicht da war, konnte nur einen Grund haben: Der Kühlschrank war leer und er war bei der nächsten Imbissbude. Sonst hätte er sich nie die Mühe gemacht, auch nur die zwei Treppen nach unten zu steigen. Gerade heute, wo sie das letzte Mal am Morgen eine Schüssel labberigen Müslis gegessen und schon Magenschmerzen vor Hunger hatte. Aber ändern konnte sie es nun auch nicht, denn Geld hatte sie nicht und ihr war klar, dass, falls Geld in der Wohnung gewesen wäre, es jetzt Marco hätte. Ohne ein Wort der Begrüßung ging sie an ihrem Bruder vorbei auf's Badezimmer zu.

Der kurze Blick, den sie auf Marco geworfen hatte, verriet, dass er sich vor kurzem einen Schuss gesetzt hatte. Im schwachen Licht waren seine stecknadelgroßen Pupillen trotzdem zu erkennen gewesen. Ihr wurde bewusst, dass sie ihn seit einer knappen Woche nicht mehr gesehen hatte.

Die braunen Haare hingen ihm ins Gesicht und waren viel zu lang. Er war noch abgemagerter als sonst und es würde sie wundern, wenn er auf über 1,80 m noch 60 kg wiegen würde. Seine Haut kam ihr auch schon etwas gelblicher vor und er würde bald höchstwahrscheinlich wieder mit Gelbsucht im Krankenhaus liegen. All' das ließ unverkennbar erkennen, dass er fixte.

Malina betrachtete ihr Spiegelbild und stellte fest, dass sie gerade kaum gesünder aussah als Marco. Unter ihren Augen waren schwarze Schatten und die großen braunen Augen schienen noch größer, weil sie so glasig waren vor Müdigkeit. Die langen dunklen Haare fielen aus dem Pferdeschwanz und iher Klamotten waren ziemlich dreckig, da sie lange nicht mehr gewechselt wurden.

Sie entkleidete sich und stieg in die Dusche. Dort lag noch das benutzte Spritzbesteck ihres Bruders. Angewidert schmiss sie es auf den Boden.

Als sie endlich im Bett des gerade mal zehn qm großen Zimmers lag, hörte sie ihren Bruder Gerd die Haustür aufschließen. Durch die lauten trampeligen Schritte war er unverkennbar. Zum Glück teilte sie ihr Zimmer mit Marco und nicht mit Gerd, da sie dann meistens ihre Ruhe hatte und im Zimmer allein sein konnte.

Sie zuckte zusammen, als Gerd die Badezimmertür zuknallte. Fast 23:00 Uhr sah Malina auf ihrer kleinen Armbanduhr, die jetzt auf dem Nachttisch lag. Die Zimmertür wurde aufgerissen und Marco trabte herein. Er legte sich auf das Bett gegenüber Malinas und begutachtete die große Flamme, die sie mit Sprayer-Farbe auf die Wand über dem Bett gesprüht hatte. Sie konnte wohl nicht gerade besonders viel, aber ein Zeichentalent hatte sie, ohne Frage.

„Die sieht toll aus“, flüsterte ihr Bruder und wand den Kopf so, dass er die Zeichnung von verschiedenen Seiten sehen konnte. Dass sie die Flamme schon vor gut einem Jahr gemalt hatte, war ihm wohl entfallen.

„Weshalb schläfst du hier?“, fragte Malina. „Matze ist tot“, antwortete Marco, „und die Wohnung gehört seiner Mutter. Er hat sich gestern den goldenen Schuss gesetzt“, fügte er hinzu.

Sie wusste nicht warum, aber diese Worte ließen ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Es war klar, dass ein Fixer früher oder später der Droge wegen sterben würde, aber das jetzt von ihrem Bruder zu hören, war schlimm. Hatte sie Angst, dass Marco bald das Gleiche geschehen würde?

Sie schauderte. Warum?
Sie hatte keine Geschwistergefühle für ihn. Oder doch?
Wenn er nicht mehr da wäre, nie mehr zurückkommen würde?
Das war Schwachsinn. Sie würde ihn nicht vermissen.

Schnell verdrängte sie diesen Gedanken. Doch merkwürdigerweise träumte sie von einem Polizisten, der ihr mitteilte, dass ihr Bruder tot aufgefunden wurde in einer öffentlichen Toilette.

Es war wohl gut, dass sie sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern konnte, als sie durch den Lärm der Bauarbeiter, die eine neues Haus bauten, das ihrem Fenster gegenüber stehen sollte, um 7:00 Uhr geweckt wurde. Sie zog sich mühsam und schläfrig aus dem Bett, ging zum Fenster und zog die mottenzerfressenen Vorhänge beiseite. Der Himmel war neblig und fast schwarz. Zittrig schloss sie das Fenster. Neben ihrem Bett stand der Kleiderschrank aus Eichenholz. Sie zog eine Jeans hervor und packte den obersten Pullover. Es war ein dicker grauer, der wohl Marco gehörte. Sie zog sich an und warf einen Blick auf das andere Bett. Ihr Bruder war weg, wie sie es sich gedacht hatte.

Malina krempelte die Ärmel des Pullovers hoch, der ziemlich groß war. Sie war ja mit ihren höchsten 1,65 m eher klein. Dann fiel ihr wieder ein, dass es ja nichts mehr zu essen in der Wohnung gab. Hoffnungslos ging sie trotzdem Richtung Küche, doch in keinem der Schränke fand sie etwas.

Gerd lag, alle viere von sich gestreckt, schlafend auf der Couch. Sie durchwühlte auch die Schränke im Wohnzimmer, aber wie vorhergesehen fand sie keinen Cent. Eigentlich hatte sie jeden Grund, wütend und sauer zu sein, doch das war sie keinesfalls. In ihrem Leben lief eben nichts nach Plan und so war ihr Alltag. Einen kurzen Moment lang hatte sie überlegt, ihrer Mutter einen Zettel da zu lassen, dass sie einkaufen solle, doch das war einfach ohne Sinn.

Sie holte sich ein Glas aus dem Küchenschrank, ließ Leitungswasser hineinlaufen und setzt sich auf einen der vier Esstischstühle. Danach stand sie auf, stellte fest, dass die Spülmaschine randvoll war und schaltete sie an. Zu ihrem Glück sah sie plötzlich einen Fünf-Euro-Schein auf dem kleinen Glastisch vor dem Sofa liegen. Schnell steckte sie ihn in die Tasche. Den hatte Gerd wohl noch übrig gelassen.

Mit den Inlinern in der linken, Janines Tasche in der rechten Hand und dem Rucksack mit den Schulsachen machte sie sich auf den Weg zur Schule. Vorher hielt sie noch am Bäcker an und kaufte sich drei Milchbrötchen. Fahrend brauchte sie höchstens 20 Minuten für den Schulweg zum Gymnasium. Malina ging in die neunte Klasse und war eine ziemliche Durchschnittsschülerin.

Als sie ankam, hatte sie alle drei Brötchen aufgegessen. Es war kurz vor acht und in der ersten Stunde am Donnerstag stand Biologie auf dem Plan. Selbstverständlich beobachtete oder grüßte sie niemand, als sie zu ihren Klassenkameraden vor den Bioräumen im ersten Stock stieß. Nach der Stunde gingen alle zum Klassenraum der 9b zur Doppelstunde Politik. Eigentlich wäre dieses Fach ganz interessant gewesen, fand Malina, doch bei Herrn Walldorf war es das genaue Gegenteil. Er war auch nur eine Aushilfskraft, da ihr wirklicher Politiklehrer für ein Jahr ausfiel. Warum, war unklar. Auf dieser Schule durften solche Dinge nicht zu den Schülern durchdringen. Schwachsinn! Auf jeden Fall verglichen sie seit einem halben Jahr die verschiedensten Wahlergebnisse aus verschiedensten Ländern und von verschiedensten Jahren. Wofür man das jemals brauchen könnte, war Malina schleierhaft.

Herr Walldorf kam kurz nach dem Klingeln, schloss die Tür auf und alle Schüler trotteten gelangweilt auf ihre Plätze zu. Malina setzte sich auf den letzten Platz in der hintersten Ecke. „Dann möchte ich bitte mal die Hausaufgaben sehen“, befahl Herr Walldorf quiekend. Seine Stimme klang immer so, als hätte er Unmengen Helium eingeatmet. Alle fingen an, in ihren Schultaschen nach dem Heft zu kramen. „Und gibt es jemanden, der sie nicht gemacht hat?“ fragte er und guckte in die Runde.

Malina hob langsam die Hand. Sie hätte es gestren einfach nicht mehr fertig gebracht, noch Arbeiten zu erledigen. „Oh, Fräulein Weber“, grinste Herr Walldorf hämisch und kam Richtung Tisch, an dem sie saß, „wollte uns mal wieder zeigen, dass für sie andere Regeln gelten. Die Hausaufgaben zu bearbeiten, ist ihr wohl zu langweilig. Zu normal.“

Ein paar der Schüler lachte leise. „Warum auch?“, stichelte er weiter, „es machen ja alle anderen, da muss sie natürlich aus der Reihe tanzen.“ Es fiel ihr oft auf, dass Herr Walldorf sie nie direkt ansprach und nur in der dritten Person von ihr redete. Er versuchte, sie zu reizen, sie dazu zu bringen auszurasten. Das kannte sie zur Genüge von ihm. Doch darauf ging sie gar nicht erst ein und schwieg lieber. Niemand konnte ihr später etwas vorhalten, was sie gesagt hatte.

Herr Walldorf mochte sie nicht, das war offensichtlich. Der Auslöser dafür war wohl gewesen, dass sie sich in einer der ersten Stunden in einer Diskussion über den Zweiten Weltkrieg mal erwähnt hatte, dass die Jugendlichen damals wenigstens etwas gehabt hatten, wofür sie alle waren und es noch so etwas wie Zusammenhalt gab. Das hatte er ziemlich falsch aufgenommen, und seitdem suchte er einen Grund, sie endlich einmal zum Direktor schicken zu können.

Um 13:15 Uhr war die Schule aus. Malina saß gerade am Rande der Treppe, um ihre Inliner überzuziehen, als Herr Walldorf auf sie zukam. Er hatte wieder das Grinsen aufgesetzt, mit dem er sie immer ansah, wenn er wusste, dass er am längeren Hebel saß. „Der Hausmeister hat eine schöne Aufgabe, die er dir überlassen wird“, sagte er, „denn bei dreimaligen Vergessens der Hausaufgaben gibt es eine schöne Sonderaufgabe.“

Da hatte er Recht, doch es gab wirklich keinen Lehrer, der diese Regel ernst anhm. Denn sooft, wie Hausaufgaben vergessen wurden, gab es keine Aufgaben. „Was soll ich machen?“, fragte Malina und sie wusste, dass sie unhöflich klang. Eigentlich war sie jemand, der Widerstand leistetet, doch wenn sie wusste, dass es keinen Sinn machen würde, ließ sie es bleiben. Auch in diesem Fall hatte sie keine Chance, der Aufgabe zu entkommen und da war es besser, alles ohne Widerrede hinzunehmen. „Heute gar keinen Widerstand von Fräulein Weber?“, spottet der Lehrer, „kennt man ja gar nicht von ihr.“

Was erhoffte er sich davon? Malina würde nichts sagen und das wusste er. Es war schwierig, sie zu provozieren und er wäre der Letzte, der das schaffen würde.

„Du wirst Herrn Kobowski beim Entfernen der Kaugummis in den Bioräumen helfen“, erklärte Herr Walldorf. „Okay“, antwortete Malina, „jetzt?“ „Nein“, meinte er und schien etwas weniger erfreut als vorher. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, dass sie das nicht so akzeptieren würde, „morgen. Wir wollen ja nicht, dass sich deine Eltern sorgen, weil du nicht nach Hause kommst.“ Jetzt grinste er wieder, und auch Malina konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ob sie um 14:00 Uhr oder 24:00 Uhr nach Hause kam, war ihrer Mutter völlig gleich. Da gab es bei den Webers keinen Unterschied. Na gut, dann half sie eben dem Hausmeister, dachte sie auf dem Weg nach Hause.

Dieser Tag war extrem langweilig gewesen. Bis um 18:00 Uhr hatte sie mit den Hausaufgaben zu tun gehabt. Mathe war ihr ganz leicht gefallen, sowieso ihr bestes Fach, mit Ausnahme von Kunst. Aber in den anderen Naturwissenschaften war sie miserabel. Und morgen hatten sie gleich zwei dieser Fächer. Jeweils Doppelstunde Physik und Chemie.

Während sie nun die Schulsachen für den nächsten Tag einpackte, stieg ihr ein Geruch in die Nase. Täuschte sie sich oder war das der Geruch von selbstgemachter Lasagne? Neugierig stand sie auf und ging Richtung Küche. Tatsächlich hatte ihre Mutter gerade eine frische Lasagne im Ofen. „Du kommst genau richtig“, sagte Birgit Weber und sah Malina kurz an, „das Essen ist gerade fertig.“ Verdattert starrte Malina auf den gedeckten Tisch, an dem schon ihr Bruder Gerd saß.

„Du kochst für uns?“, fragte Malina misstrauisch. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihre Mutter das in den letzten zehn Jahren auch nur einmal getan hatte. „Ja“, bestätigte die Mutter, band ihre dunklen Locken zusammen und setzte sich ebenfalls an den Tisch, „und jetzt setz' dich, ich habe euch eine Mitteilung zu machen.“

Schon fühlte sich Malina etwas näher an der Realität. Natürlich hatte die Sache einen Haken. „Komm' noch wer?“ fragte Gerd schmatzend, der schon sein erstes Stück Lasagne verdrückt hatte. Auch Malina sah nun auf den noch leere Platz zwischen ihrem Bruder und ihrer Mutter. „Ja“, antwortete Birgit Weber, „ich werde euch gleich meinen neuen Freund Lennart vorstellen.“

Malina konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Malina!“, sagte die Mutter streng, „ich hasse diese fiese Grinsen, das du immer aufsetzt! Und du wirst ihn akzeptieren! Nicht so unhöflich sein, wie du es sonst bist!“ Fiese Grinsen und Unhöflichkeit. Alles klar! „Ich denke, ich könnte es versuchen“, meinte Malina achselzuckend. „Sei nicht immer so frech und benimm dich mal etwas zivilisierter!“ schimpfte Birgit Weber, während sie schon rot anlief. „Was war sie doch für ein Pflegefall“, dachte Malina und musste sich ein weiteres Grinsen verkneifen.

Die Lasagne schmeckte echt gut, doch jetzt war auch ihr klar, warum die Mutter überhaupt gekocht hatte. Wahrscheinlich wollte sie vor diesem Lennart wie eine tolle Mutter dastehen. „Wo bleibt er denn? Er wollte vor einer halben Stunde schon hier sein“, überlegte Birgit Weber gedankenverloren.

Was war das wohl wieder für ein toller Typ? Gleich am ersten Abend, wo er die Familie kennen lernte, kam er zu spät. Aber Malina war es sowieso vollkommen egal, wie dieser „neue Freund“ war. Sie würde nichts mit ihm zu tun haben, und dass ihre Mutter wieder liiert war, war auch absolut nichts Neues. Doch warum sie dieses Mal so einen Wirbel daraus machte, konnte Malina nicht deuten.

Es läutete. „Das muss er sein!“, rief Birgit Weber aufgeregt, sprang auf und rannte zur Tür. Ein paar Sekunden später kam ein großer muskolöser Kerl zum Vorschein. Malina war sich sicher, dass er noch keine 50 war, doch seine fast ganz grauen Haare ließen ihn um einiges älter aussehen. Trotz der Minusgrade draußen trug er nur ein Achselshirt. Im Großen und Ganzen sah er ziemlich durchschnittlich aus. Er grummelte etwas, das wohl „hallo“ oder „n'Abend“ heißen sollte.

Birgit Weber schnitt ihm ein Stück Lasagne ab und tat es ihm auf. Als er sich setzte, fragte er verwirrt: „Also, ihr seid dann sicher, ehm, Bernd und Carina.“ „Gerd und Malina“, korrigierte Birgit Weber lächelnd. „Ahja...“, sagte Lennart, schien aber völlig abwesend zu sein. Mehrere Minute saßen sie alle still da. Nur das Klirren des Bestecks auf den Tellern war zu hören.

„Was sie nicht für eine harmonische Familie waren“, überlegte Malina. Dem Typen war das wohl auch egal. Er konnte wahrscheinlich, wie ihre Mutter, nichts mit dem Wort „Familie“ anfangen. Eine außenstehende Person hätte mit Sicherheit vermutet, dass hier gerade eine furchtbare Auseinandersetzung geherrscht hatte, wie sie alle, stumm über ihre Teller gebeugt, dasaßen.

„Wir werden zu Lennart und seinem Sohn ziehen“, brach Birgit Weber plötzlich das Schweigen. Malina sah auf. Geschockt war sie nicht wegen der Neuigkeit, dass sie umziehen würden, das war ihr egal, was oder wer würde sie schon vermissen? – sondern eher deswegen, dass dieser Lennard einen Sohn hatte. Dass dieser Typ ein Kind hatte, hätte sie nie gedacht. Okay, wahrscheinlich würde man dasselbe von ihrer Mutter denken.
„Nach Berlin“, fügte Birgit hinzu. Das war ja einige hundert Kilometer von Witzdorf entfernt.

Diese Beziehung würde sowieso nicht lange halten. Da war sich Malina ziemlich sicher. Und dann gleich zu diesem Lennart ziehen. Sie konnte sich schon genau ausmalen, wie das in ein paar Monaten, vielleicht sogar schon nach einigen Wochen, aussehen würde. Es würde einen furchtbaren Streit geben, ihre Mutter wäre am Boden zerstört, Lennart würde sie rausschmeißen und sie säßen erstmal ohne Wohnung da. Mitleid würde sie mit ihrer Mutter garantiert nicht haben, sie machte es sich immer selber alles kaputt. Sie war eine so unheimlich komplizierte Person. Das Mitleid galt jetzt schon eher Lennart, der es bald Tag und Nacht mit ihr aushalten musste. Ob er sich das wohl gründlich überlegt hatte?

Malina wurde aus ihren Gedanken gerissen, als plötzlich Marco in die Küche schlurfte. Er sah Malina kurz an und ging dann weiter Richtung Kühlschrank. „Und das ist mein Sohn Marco“, sagte Birgit. Nicht, dass es ihr in irgendeiner Weise wichtig war, wie oder wer ihre Kinder waren, doch für Marco schämte sie sich. Zumindest vor anderen Leuten. Natürlich wusste sie von seinen Drogenproblemen, das konnte selbst eine so desinteressierte Mutter nicht übersehen. Aber ihm irgendwie zu helfen, darüber hatte sie noch nie einen Gedanken verloren.

Lennart nickte kurz, um zu zeigen, dass er verstanden hatte, doch sein Blick verriet, dass er in etwa dachte: „Was? Noch einer?“ „Marco, wir ziehen nach Berlin“, sagte Birgit, ohne ihren Sohn auch nur eines Blickes zu würdigen. Das musste das erste Mal seit Jahren sein, dass sie ihn mit Namen ansprach.

Es wunderte Malina, dass ihre Mutter Marco den Umzug überhaupt mitteilte. „Ob du mitkommst oder nicht, ist deine Sache“, erklärte Birgit kühl. Marco schien für einen Moment hoffnungsvoll, als er zu ihnen hinüber gesehen hatte. Zu Malinas großen Verwunderung nickte er und meinte: ,,Ich komme mit."
Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie konnte nicht sagen warum, aber es freute sie.

Die nächste Woche schlich langsam dahin und wollte kein Ende nehmen. Es war jetzt Ende November; um genau zu sein, der 28. Übermorgen hatte Malina Geburtstag. Am Sonntag, wo auch der erste Advent war. Sie freute sich auf die Weihnachtszeit. Nicht, dass die Weihnachtsfeste bei den Webers von Bedeutung waren. Sie hatten nie einen Weihnachtsbaum, Geschenke oder irgendwelchen anderen Weihnachtsschmuck. Doch sie freute sich auf den Schnee, die vielen bunten Lichter, die aus den Fenstern der Häuser leuchteten, und die Weihnachtsmärkte, wo es immer so schön nach Weihnachtsgebäck roch.

Gerade fühlte sie sich einfach glücklich, während sie durch die Straßen schlenderte. Es war noch nicht mal 20:00 Uhr, aber dunkel wie die Nacht. Schon jetzt blitzten aus manchen Häusern die Lichterketten und warfen Licht auf die Gehwege. Fast jeden Abend ging sie spazieren. Manchmal ein bis zwei Stunden. Malinas Leben war ja nun auch nicht so interessant und abwechslungsreich, dass sie viel zu tun haben könnte.

Nur noch eine Woche konnte sie das tun, zumindest in dieser Gegend. Denn dann würden sie in Berlin wohnen. „Malina“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um. Marco stand da. Er zitterte am ganzen Körper. „Hast du Geld? Ich brauch' dringend Geld.“ „Ich habe dich gar nicht kommen hören“, meinte Malina und wandte sich zum Gehen. „Ich bin dein Bruder!“, schrie Marco nervös und hielt sie mit sanfter Gewalt an der Schulter zurück. „Ich hab' kein Geld!“ rief sie, „und selbst wenn, ich würde es dir nicht geben, damit du dir deine Scheiß-Droge finanzieren kannst!“

Sie rannte los. Rannte und rannte, bis sie schnaufend und nach Luft ringend zu Hause ankam. Marcos Sucht kotzte sie momentan mehr denn je an. Warum war sie so hilflos gewesen? Kamen die Tränen, die ihr nun das Gesicht hinunter liefen, nur von der kalten Luft? Sie ließ sich auf den Boden sinken und lehnte den Kopf gegen die Hauswand. Eine ganze Zeit lang saß sie mit pochendem Herzen da. Irgendwann schaffte sie es, sich aufzuraffen, vielleicht war sie kurz eingenickt. Auf jeden Fall dröhnte ihr Kopf und tausende Gedanken schwirrten umher. Verwirrt schleppte sie sich nach oben, legte sich ins Bett und schlief sofort ein.

Den ganzen nächsten Tag verbrachte sie im Bett. Ihr Kopf tat ihr höllisch weh und ihr ganzer Körper schien zu brennen. Außer, um auf die Toilette zu gehen, hatte sie nicht die Kraft aufgebracht aufzustehen. Ihre Mutter war nicht da gewesen und auch von Gerd hatte jede Spur gefehlt.

Sonntagmorgen ging es ihr schon besser. Sie bezweifelte zwar, dass sie kein Fieber mehr hatte, aber ihr Kopf fühlte sich wieder halbwegs normal an. Sie drehte sich auf die Seite, um auf die Armbanduhr schauen zu können. In der Hoffnung, frische Luft würde ihr gut tun und ihren Kreislauf wieder etwas in Gang bringen, stand sie auf und ging nach draußen.

Über Nacht musste es geschneit haben. In den Bäumen hingen Schneeflocken, die wie sanfter Puderzucker wirkten. Auch auf der Straße war eine leichte Schneedecke. Es war windig und Malina zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Nachdem sie einige Straßen weiter gegangen war, stockte sie. Marco stand drüben auf der Straße, die zur Hauptstraße führte. Vor ihm war ein großer dunkler Mann, der wohl sein Dealer sein musste. Schnell wollte sie weiter gehen, doch die Worte des Mannes waren trotz der Entfernung und des Flüstertons, in dem er sprach, deutlich zu hören. „Wenn ich das Geld nicht in den nächsten Tagen sehe, bist du dran, Weber!“ Der Typ rückte näher an Marco heran und flüsterte ihm noch etwas zu. Sie sah ihren Bruder hilflos zurückweichen. Dann verschwand der Mann um die nächste Ecke. Marco wand sich um und blickte in ihre Richtung. Eigentlich wollte sie schnell verschwinden, aber ihr Körper war wie gelähmt. Er kam auf sie zu.

„Wie lange stehst du schon da?“, fragte er und starrte sie mit braunen Augen an, die den ihren so ähnelten. ,,Was will der Typ von dir?“, wollte Malina wissen. „Geld“, antwortete er knapp und ging weiter. Malina folgte ihm. „Warum?“, hakte sie nach. Sie musste jetzt fast rennen, um mit ihm Schritt zu halten. „Frag' nicht“, sagte Marco.

„Marco“, sagte sie jetzt leiser. Sie blieb stehen und merkte, wie ihr leicht schwindelig wurde. Wahrscheinlich hatte die Anstrengung ihrem geschwächten Körper nicht gerade gut getan. „Alles in Ordnung?“, fragte er, der zu ihrer Verwunderung ebenfalls stehen geblieben war. Sie wollte einen Schritt nach vorne machen, kippte aber zur Seite um. Reflexartig hielt Marco sie aufrecht.
„Ich bring' dich nach Hause“, meinte er und Malina dachte, etwas Besorgtes in seiner Stimme zu hören.

Zu Hause angekommen, legte sie sich gleich wieder ins Bett und auch Marco blieb im Zimmer. Fast eine halbe Stunde lagen sie in ihren Betten und sagten kein Wort. „Ich habe für Cosmo gedealt. Bei einer Razzia musste ich das Zeug in die Toilette spülen“, brach Marco das Schweigen, „jetzt schulde ich ihm eine ganze Menge Kohle.“ Malina sah auf: „Will er dich umbringen?“ „Vielleicht“, meinte Marco und starrte an die Decke,“ ich muss versuchen, ihm in der nächsten Woche nicht mehr zu begegnen.“ „Deswegen willst du mit nach Berlin“, verstand sie. Wieder herrschte Stille. „Alles Gute zum Geburtstag“, sagte Marco plötzlich und schaffte den Anflug eines Lächelns. Sie war überrascht, aber zugleich unerklärlicherweise sehr glücklich, dass er sich daran erinnert hatte. Sie spürte ein warmes Kribbeln, das angenehm durch ihren Körper kroch.

Ab Montag ging es dann an's Packen. Sie wollten jetzt doch schon am Mittwoch umziehen. Bei den wenigen Möbeln, die sie besaßen, würde ein Möbeltransporter ausreichen. Birgit Weber hatte gekündigt und war deshalb an diesen Tagen die ganze Zeit zu Hause, worüber Malina nicht gerade froh war. Ihre Mutter schaffte es, aus allem Geregelten Chaos zu machen, so dass sie mit dem Packen kaum voran kamen. Gerd war natürlich auch nicht gerade jemand, den man in einer solchen Situation als hilfreich bezeichnen könnte.

Seltsamer Weise war Marco die meiste Zeit da und so konnte Malina mit ihm zusammen etwas System in das Ganze bringen. Lennart war schon seit dem Wochenende wieder in Berlin. Er wollte bestimmt noch die letzten ruhigen Tage ohne ihre Mutter genießen, überlegte sie.

Es war Mittwoch morgen. Malina packte die letzten paar Sachen, unter anderem ihre Schulsachen, in einen großen Karton, als Marco ins Zimmer kam oder viel mehr sich hereinschleppte. „Malina, bitte, du musst mir helfen!“, flehte er mit zittriger Stimme, „kauf' mir Heroin.“ Sie starrte ihn an. Was sollte das denn? Es war erbärmlich, mit anzusehen, wie ihr Bruder da stand und versuchte, nicht umzukippen. Sein ganzer Körper zitterte und es schien, als hätte er kaum noch Kontrolle über sich selbst. Er murmelte etwas, das nicht verständlich war.

Völlig hilflos stand Malina da. Natürlich konnte sie ihm in diesem Moment nur mit der Droge helfen, aber sie wollte das nicht. „Bitte“, flehte er weiter, „bitte!“ Er hatte keine Kraft mehr, kippte auf den Boden. Malina konnte das nicht mit ansehen. „Marco!“, schrie sie und kniete sich zu ihm hin, „okay, okay. Ich mach' das.“ „Du musst zu Kaufhof“, keuchte er, „die Torstraße bis zum Ende durch und über die Mauer hinter den Mülltonnen.“ Er schien wieder etwas Motorik in seinem Körper zu haben, vielleicht auch nur wegen der Aussicht nach der Droge, denn er schaffte es, einen Hunderter aus seiner Hosentasche zu kramen und ihn ihr in die Hand zu drücken.

Sie rannte los. Bis zu der Stelle, die ihr Bruder ihr erklärt hatte, konnten es kaum zwei Kilometer sein. Sie schnallte sich die Inliner über, die noch im Treppenhaus lagen, und fuhr los. Die totale Panik kam in ihr auf und sie wollte Marco nur noch helfen. In so einem Zustand hatte sie ihn noch nie gesehen. Aber auf Entzug musste wohl jeder Fixer so aussehen.

Sie stand vor der Mauer, völlig außer Atem und stieg darüber. Ein Typ stand da. Er konnte nur ein paar Jahre älter sein als sie. Verwirrt starrte er sie an. „Was willst du hier?“, blaffte er, „das ist kein Kinderspielplatz!“ „Ich brauche Heroin“, flüsterte sie. Zuerst sah er noch verwirrter zu ihr. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Hey, du kannst mir doch nicht erzählen, dass du fixt“, sagte er. „Nein“, bestätigte sie, „aber ich brauche das. Für meinen Bruder.“

Sie zog den Geldschein aus der Tasche und streckte ihn ihm entgegen. Einen Moment lang musterte er sie. Dann sah er sich um, vergewisserte sich, dass sonst niemand da war und holte eine Tüte aus seiner Tasche. „Fang' bloß nicht damit an“, sagte er noch, als sie sich zum Gehen wandte, „das macht dich völlig kaputt.“ Sie nickte kurz, dann fuhr sie schnellstmöglich zurück.

Marco saß noch auf derselben Stelle, wo er gesessen hatte, als sie losgefahren war. Er war schweißnass. Malina drückte ihm die Tüte in die Hand. Wie er es so schnell schaffte, sich aufzuraffen, wusste sie nicht. Schell verschwand er im Bad.

Geschwächt ließ Malina sich auf dem Boden nieder. Auch sie schwitzte, was größtenteils an dem Tempo lag, in dem sie gefahren war. Aber sie fühlte sich plötzlich leer und ihre Finger zitterten. Warum hatte sie das getan? Es konnte sein, dass das das letzte Mal war. Dass er durch diesen Schuss sterben würde. Nach Stunden, so schien es ihr, kam Marco wieder aus dem Bad. Er wirkte viel ruhiger, viel entspannter. Seine Pupillen hatten wieder die Größe von Stecknadeln angenommen. Er setzte sich neben sie und sagte: „Danke. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Und womöglich wäre ich noch Cosmo über den Weg gelaufen.“ Sie sagte nichts. Sie wusste auch nichts, was sie hätte sagen können.

Auf der Fahrt nach Berlin dachte Malina über ihre bisherigen 15 Lebensjahre in Witzdorf nach. Sie hatte immer dort gelebt. Aber was hatte sie bis jetzt geschafft? Sie hatte nichts in ihrem Leben erreicht und es gab nichts, was sie ungern zurückgelassen hatte. Das konnte wohl kaum ein 15-jähriges Mädchen bei einem Umzug, der von so weiter Entfernung war, behaupten. Sie war sich sehr sicher, dass sie nie mehr in ihrem Leben dorthin zurückkommen würde, selbst wenn – was zweifelsohne geschehen würde – die Beziehung ihrer Mutter und Lennart in die Brüche ginge.

Sie schaute nach rechts auf Marco, der gedankenverloren aus dem Fesnter sah. Eigentlich kannte sie ihn überhaupt nicht. Nur wenn er auf Heroin war, hatte sie mit ihm zu tun; irgendwie ein schaudernder Gedanke. Man konnte sich kaum vorstellen, dass er ein paar Stunden zuvor noch so heruntergekommen gewesen war. Natürlich sah er auch jetzt noch ziemlich kaputt aus, aber das war was ganz anderes. Seine Haare waren nicht mehr ganz so lang. Er musste vor kurzem beim Frisör gewesen sein.

Knappe zwei Stunden später öffnete Lennart ihnen die Haustür. Malina hatte nicht erwartet, dass die Gegend und die Wohnung so schön sein würden. Sie wohnten zwar mitten in der Stadt, hatte aber einen schönen kleinen Vorgarten.

Als sie in die Wohnung eintraten, erlebte sie gleich noch eine Überraschung. Die Einrichtung war neu und modern. Im Wohnzimmer standen zwei gemütliche Ledersofas, ein Glastisch und ein Fernseher. Die eine Wand war voller Fenster, an der daneben stand ein großer Holzschrank. Die smaragdgrünen Vorhänge harmonierten perfekt mit dem Teppich und auch die bunten Bilder passten zum Rest der Einrichtung.

„Die Jungs kommen in das Zimmer“, sagte Lennart und zeigte auf den Raum hinter der einen Couch, „und Carina kommt zu Tobias.“ Das musste dann wohl sein Sohn sein. Malina zog den Koffer mit ihren Klamotten in das andere Zimmer und schloss die Tür. Das Zimmer war nicht besonders groß. In der Ecke stand ein Etagenbett. In der Ecke gegenüber lagen ein paar Matratzen aufeinander, die mit durcheinandergewürfelten Kissen verschönert wurden. Daneben stand ein Tisch oder vielmehr eine Holzplatte, die durch zwei kleine Rollschränke gehalten wurde. Den Matratzen gegenüber war ein großer Schrank, in dem ein alter Fernseher stand. Jeder Teil der Wand, so schien es, war mit „A Fire Inside“-Postern behängt. Sie ließ sich auf die Kissen der Matratzen nieder, die unheimlich bequem waren.

Halb eingedöst, hörte sie plötzlich eine Stimme: „Du bist dann wohl Malina, hi.“ Sie stand auf, rieb sich die müden Augen und murmelte eine Begrüßung. Er streckte ihr die Hand entgegen. Seine Hand fühlte sich unglaublich warm an. Tobias hatte pechschwarze Locken, die ihm kreuz und quer vom Kopf standen. Die Statur hatte er eindeutig nicht von seinem Vater. Im Gegensatz zu ihm war Tobias nicht so muskulös, sondern eher zierlich und nicht besonders groß, vielleicht Mitte 1,70 m. Die grauen Augen betonten sein Gesicht, und als er sie so ansah, kam es ihr vor, als würde sie geröntgt werden.

„War sicher schwierig, alles zurückzulassen“, sagte er fröhlich, ließ sich auf das untere Bett fallen und legte die Hände in den Nacken. „Nein“, sagte sie wahrheitsgemäß und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. „Nichts, was du vermissen wirst?“ ,fragte er und setzte sich wieder auf. „Nein“, antwortete sie abermals. Er lächelte: „Du gefällst mir.“

Dann stand er auf, ging zum Schreibtisch und holte zwei Schokoriegel aus der Schublade. „Hier“, sagte er und warf ihr einen davon zu. „Du gehst noch zur Schule?“ fragte er neugierig und biss ein Stück des Riegels ab. „Ja“, sagte sie. „Ich hoffe mal, du wirst damit zurecht kommen, dir mit mir ein Zimmer zu teilen“, meinte er, „aber wenn unsere Eltern erstmal verheiratet sind...“ „Warum verheiratet?“, unterbrach sie ihn. Er starrte sie an und dieses Dauergrinsen wollte einfach nicht von seinem Gesicht weichen.

„Mein Vater wird deiner Mutter bald einen Antrag machen. Hmm, ja ich schätze mal, in den nächsten zwei Wochen“, erklärte er, „doch nach spätestens einem Jahr wird er dann leider feststellen müssen, dass sie doch nicht die Richtige ist. Hey, also nun jetzt nichts gegen deine Mutter.“ Was war denn das für ein Schwachsinn? Dieser Tobias kam ihr jetzt schon eingebildet vor. Er dachte, er wisse alles, so was von ätzend! Als würde er ihre Mutter kennen! Er hatte sie heute zum ersten Mal gesehen. „Du glaubst mir nicht, auch gut“, sagte er achselzuckend, „wir werden sehen.“

Er setzte sich neben sie. Irgendwie hatte Malina das Gefühl, ihn überhaupt nicht kennenlernen zu wollen. Dieser Typ konnte keine Sekunde still sitzen bleiben. Jetzt wippte er seinen Oberkörper langsam auf und ab. „Auf den ersten Eindruck bin ich dir wohl nicht sympathisch“, lächelte er. Woher wusste er das denn jetzt schon wieder? Vielleicht nur deshalb, weil ihn sowieso niemand mochte. Sein Dauergrinsen wollte einfach nicht verschwinden. Das machte sie völlig nervös.

„Gut“, sagte er und sprang auf, „ich geh' dann mal duschen, Arbeit war echt anstrengend.“ Bevor er die Tür schloss, rief er ihr noch zu: „Du bist ein interessanter Mensch, Malina.“ Ohne es zu wollen, drehten sich ihre Gedanken in dieser nacht nur um Tobias und das regte sie – eigentlich unbegründet – extrem auf. Aber sie musste die nächste Zeit wohl mit ihm auskommen müssen.

Die Woche verging kaum anders als der Abend, wo sie ihn kennen gelernt hatte. Sollte er doch ruhig wissen, dass sie ihn nicht mochte, konnte ihr nur recht sein. Aber er merkte es nicht oder es interessierte ihn nicht. Dauernd war er in ihrer Nähe und gab ihr das ungute Gefühl, sie total zu durchschauen. Wie sie das ankotzte!

Die neue Klasse war okay. Zumindest ließen die anderen sie in Ruhe. An den ersten zwei Tagen hatte ein rundliches blondes Mädchen noch versucht, Kontakt zu ihr zu finden, doch es hatte dann auch schnell gemerkt, dass es bei Malina auf Granit stieß. Ja, sie wusste, dass sie selbst der Grund war, warum sie keinen Anschluss fand. Aber sie wollte es einfach nicht. Die waren doch auch alle gleich.

Gerd verhielt sich natürlich wie immer. Ihre Mutter arbeitete jetzt als Sekretärin in Lennarts Bauarbeiterfirma. Malina hatte kein gutes Gefühl dabei, wenn die beiden auch an der Arbeit die ganze Zeit aufeinander hockten. Das konnte doch nicht gut gehen. Marco war wieder so gut wie gar nicht zu Hause. In Berlin war es sicher auch nicht schwierig gewesen, eine Szene zu finden.

Es war Sonntagabend und somit schon dritter Advent. Drei der vier Kerzen brannten auf dem Kranz, den Tobias besorgt haben musste. Sie saß auf dem wackeligen Stuhl am Schreibtisch und versuchte, die Reaktionsgleichungen der Chemie-Hausaufgaben zu lösen. Sie verstand das überhaupt nicht. Gedankenverloren kippelte sie auf ihrem Stuhl. Es war schon merkwürdig. Malina wohnte jetzt mit Tobias unter einem Dach, sogar in demselben Zimmer, doch wissen tat sie im Grunde gar nichts über ihn, wenn man seine „Dauer-Gute-Laune“ und den Röntgenblick außen vor ließ. Ja, nicht einmal, wie alt er war. Und er, er wusste fast alles über sie. Naja, nicht dass es viel in ihrem Leben gab, was man wissen konnte, aber trotzdem.

Wie von Geisterhand erschien Tobias genau in diesem Moment hinter ihr. „Na“, begrüßte er sie und sah über ihre Schulter, „schön fleißig?“ „Geht“, antwortete sie knapp. Warum musste er immer dann auftauchen, wenn man an ihn dachte?

Er ließ sich auf die Kissen fallen, schaltetet die Musikanlage, die auf einem Brett an der Wand stand, an und drehte sie leiser. Es war eine ältere CD von AFI, die Malina auch kannte. „Achja“, sagte er, „du musst vor Natrium noch eine „2“ schreiben.“ Sie sah auf ihren Zettel. „Kannse mir ruhig glauben“, versicherte er lächelnd. „Woher weißt du das?“ ,wollte Malina wissen, „hast du Abitur?“ „Nee“, meinte er, „und übrigens war das die erste Frage, die du zu meiner Person stellst.“ Sein Grinsen wurde breiter, aber er hatte Recht. „Ich hab' nur Haupt“, fügte er hinzu, setzte sich aufrechter hin und trommelte mit den Fingern auf der Matratze herum, „die Intelligenz des Einzelnen hängt nicht von seiner Schulbildung ab.“ „Ja“, sagte sie. „Weiß ich doch“, grinste er, „dass du das auch so siehst. Du bist kein voreingenommener Mensch.“

Ja, er hatte recht, aber wie kam er auf die Idee, so etwas einfach zu behaupten? „Woher willst du das wissen?“, fragte sie in einem Ton, der die aufkochende Wut nicht ganz verbarg. „Ich kann Menschen einschätzen“, antwortete er und stand auf. „Ich bin anders“, sagte sie. „Das bist du“, stimmte er zu, „zweifelsohne.“ Ein letztes Grinsen, und er verschwand wieder aus dem Zimmer.

„Ich wollte gleich zum Weihnachtsmarkt“, erklärte Tobias ihr zwei Tage vor Weihnachten, „hast du nicht Lust mitzukommen?“ Sie liebte Weihnachtsmärkte, aber ob sie nun unbedingt in seiner Begleitung dahin musste? „Ich weiß nicht“, antwortete sie. Tobias grinste wieder in dem ihr mittlerweile so vertrauten Grinsen. „Ach komm' schon“, versuchte er, „draußen ist alles eingeschneit und der Weihnachtsmarkt ist echt schön. Da kommt doch gleich Weihnachtsstimmung auf.“

„Okay“, gab sie nach. „Wunderbar“, sagte er und mit Mänteln, Mützen und Handschuhen bekleidet verließen sie die Wohnung. „Schön, endlich Ferien zuhaben, ne?“, sagte er fröhlich, während sie durch den Schnee auf die abgesperrte Hauptstraße zustampften.. „Ja“, meinte sie. „Letztes Jahr hatte ich nur die Weihnachtsfeiertage frei, dieses Jahr eine ganze Woche“, erzählte er. ,,Was arbeitest du denn?", wollte Malina wissen. Und auch, wenn sie es nicht zugeben würde, insgeheim interessierte sie sich für sein Leben.

„Ich mache eine Ausbildung zum Schlosser“, antwortete er, „bin im zweiten Lehrjahr. Beschissene Arbeit, sag' ich dir.“ „Wieso machst du das dann?, fragte sie. „Überleg' mal logisch“, grinste er, „ich habe Hauptschulabschluss. Wer will schon eine Hauptschüler? Da gibt es tausende Vorurteile, die oftmals natürlich auch berechtigt sind. Ich hatte also keine Wahl.“ Er war schon irgendwie anders als die anderen Jugendlichen, die Malina kannte, und das ja eigentlich im positiven Sinne. Aber wahrscheinlich lag das einfach nur daran, dass er ein paar Jahre älter war.

Tobias hatte nicht zu viel versprochen: Der Weihnachtsmarkt war wunderschön, nicht zu vergleichen mit dem winzigen in Witzdorf. Aus allen Richtungen funkelten ihnen schöne, helle Lichter entgegen. An jeder Ecke stand ein Laden mit Weihnachtsschmuck, und allerlei Fahrgeschäfte waren aufgebaut. Der Geruch verschiedenster Leckereien drang in ihre Nasen.

Das Dämmerlicht tauchte den Markt in noch schöneres Licht. „Das ist toll“, flüsterte sie strahlend. „Hey, du lächelst ja mal“, stellte er fest, „warum nicht öfter so?“ Ungefähr in der Mitte des Weihnachtsmarktes war ein großes Partyzelt aufgebaut. Malina war es nur recht, dieses zu umgehen und Tobias schien auch nicht gerade scharf darauf, es näher in Augenschein zu nehmen.

Um 23:00 Uhr lagen sie müde und durchgefroren zu Hause in ihren Betten. Sie mussten ewig unterwegs gewesen sein, was ihr aber längst nicht so lange vorkam. Tobias hatte ihr zu essen und einige Fahrten in den Fahrgeschäften spendiert, was sie sehr nett gefunden hatte.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte und die Leiter ihres Bettes hinunterkletterte, schlief Tobias noch friedlich. Das war ungewöhnlich, dachte sie, bis ihr einfiel, dass er jetzt ja auch Urlaub hatte. Sie musterte ihn. Auch, wenn sie es sich nicht gerne eingestand, er war schon ein sehr hübscher Junge. Die schmalen Lippen und die gerade Nase passten perfekt in sein Gesicht und sie mochte seine schwarzen Locken.

Nur widerwillig wand sie den Blick von ihm ab und ging ins Bad. Aber es war Schwachsinn, all' das änderte nichts an seinem Charakter. Als sie aus dem Bad kam, stand Tobias schon angezogen in der Garderobe und schnürte sich seine Schuhe zu. „Wo willst du hin?“, fragte sie, „hast du nicht frei?“ Er sah auf. „Ah, Morgen Malina. Bandprobe.“ „“Du hast eine Band?“, sagte sie überrascht. „Jep“, bestätigte er und nahm den Hausschlüssel von dem Brett an der Wand, „wenn du willst, kannst du mitkommen, es wird dir gefallen.“

„Okay“, sagte sie und zog sich Mantel und Schuhe an. Das hätte sie überhaupt nicht von ihm gedacht und irgendwie war sie ziemlich gespannt darauf. „Wir proben immer in Stephans Keller. Der ist der Schlagzeuger“, erklärte er ihr auf dem Weg. Schon nach einigen Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht, stiegen eine Treppe hinunter und öffneten die Tür des Hintereinganges. „Na, wie immer zu spät, Wiegmann“, rief ihnen eine Stimme entgegen. „Um die Töne zu treffen, braucht er seinen Schlaf“, erwiderte Tobias grinsend. Zwei Typen seines Alters saßen auf einer alten Couch. Der eine, mit langen blonden Haaren, war schon dabei, seinen Bass zu stimmen. Tobias ging auf sie zu und begrüßte sie mit einem Händedruck. Malina folgte ihm langsam.

„Das ist Malina, die Tochter der Freundin meines Erzeugers“, erklärte er. „Hi“, begrüßten die beiden sie freundlich und gaben ihr ebenfalls die Hand. „Stephan“, sagte der eine. Er hatte kurze blonde Haare und trug eine Brille. „Nick“, sagte der Bassist mit den langen Haaren. „Dann mal los“, meinte Tobias.

Die ersten Minuten verbrachten sie damit, ihre Instrumente zu stimmen. Malina hockte sich auf die Couch. Auf der Wand gegenüber hing ein riesiges AFI Poster, woraus zu schließen war, dass nicht nur Tobias auf die Band stand. Die anderen Wände waren ziemlich kahl.

Jetzt fingen sie an zu spielen. Die Musik klang ausgesprochen gut, und auch wenn Malina nicht viel von Musik verstand, konnte sie feststellen, dass die drei ihre Instrumente gut beherrschten, und Tobias ein hervorragender Sänger war. Er hatte eine klare Stimme, was Malina nie gedacht hätte, da er beim Sprechen oftmals doch ziemlich nuschelte. Zuerst spielten sie einige Lieder von AFI, was sie nicht verwundernswert fand. Dann kamen Songs, die, wie sie vermutete, von ihnen selbst geschrieben waren. Mit jedem Lied gefiel ihr die Musik besser. Auch das hatte Tobias schon wieder gewusst! Das war echt schon unheimlich und vor allem nervig. Warum sie das so empfand, konnte sie schlecht begründen, aber sie war es nicht gewohnt, durchschaut zu werden. Doch sie wusste gerade überhaupt nicht, was sie von ihm denken sollte. Warum ihr das so Kopfzerbrechen bereitete, wusste sie auch nicht.

,,...so people don't know anything, they deal with themselves too much, no concerne, no coherence, and then they wonder there's no society and they are lonely...“ Dieser Song gefiel ihr besonders. Schon allein des Textes wegen. Es war ein ruhiger Song mit einprägender Melodie. Nach ca. zwei Stunden hörten sie auf zu spielen. Verschwitzt und durstig holten sie sich ein Bier aus dem Kühlschrenk, boten ihr auch eins an, was sie dankend ablehnte.

,,Für die Wände müssen wir uns echt mal was überlegen“, sagte Nick und sah stirnrunzelnd Richtung Wand. ,,Ihr könnt doch euren Bandnamen an die Wand sprühen“, schlug Malina vor. ,,An sowas Änliches haben wir auch schon gedacht“, erklärte Tobias, ,,aber hey, du kannst doch super zeichnen.“ Die drei Jungs starrten sie an. Woher wusste er das? Hatte sie das mal erwähnt? Als wisse er, was sie gerade dachte, fügte er hinzu: ,,Ich habe dein Kunstbild auf dem Schreibtisch gesehen.“ ,,Und?“, fragte Nick an Malina gewandt. ,,Ja, kann es versuchen“, meinte sie, ,,aber wenn es euch nicht gefällt, kann ich es auch nicht ändern.“ Tobias grinste: ,,Gut.“

Stephan holte ein paar alte Sprayerfarben aus dem Gartenschuppen. Eine knappe Stunde später stand in verschnörkelten Buchstaben ,,Scientoo“ umrandet mit einem Zackenmuster an der Wand. Malina trat einen Schritt zurück, krempelte die Ärmel des Pullovers wieder runter und begutachtete ihr Werk. Es sah eindeutig nicht schlecht aus. ,,Du hast echt Talent“, staunte Stephan nicht schlecht. ,,Sag' ich doch“, sagte Tobias und guckte lächelnd zu Malina herüber. Sie erwiderte das Lächeln. ,,Und vor allem in so kurzer Zeit“, sagte Nick, ,,wir bedanken uns recht herzlich.“ ,,Wir machen uns dann mal auf den Weg“, sagte Tobias, schnappte sich seinen Mantel und gab den beiden kurz die Hand. Auch Malina verabschiedete sich. ,,Du bist natürlich immer wieder gerne hier gesehen“, versicherte Nick.

Draußen schneite es, und im Gehen mussten sie die Augen zukneifen, um etwas erkennen zu können. ,,Und?“, fragte Tobias, ,,wie gefallen wir dir?“ ,,Gut“, antwortete sie und rieb ihre frierenden Hände aneinander, ,,so eine schöne Stimme hätte ich dir gar nicht zugetraut, und Gitarre spielen kannst du auch.“ Das hatte sie wirklich gesagt? ,,Oha“, sagte Tobias, ,,soviel Lob von dir muss man ernst nehmen. Dankeschön.“ Er lächelte: ,,Was du sagst, meinst du auch so. Finde ich gut.“ Das sahen mit Sicherheit nicht alle so. ,,Eins gefiel mir besonders...“, sie hatte noch nicht mal ganz geendet, da sagte er schon: ,,Blindfolded. Bestimmt! War mir klar, dass dir das gefällt. Passt zu dir.“ Ein unbehagliches Gefühl durchströmte sie plötzlich. Er konnte sie -verdammt noch mal!- zu gut einschätzen.

Am Weihnachtsmorgen wurde sie durch das Klingeln des Telefons geweckt. Erschrocken fuhr sie hoch. Da Lennart und ihre Mutter nicht da waren, weil sie über die Weihnachtstage -wohin auch immer?- verreist waren und Gerd sich niemals aufraffen würde, beschloss sie, ans Telefon zu gehen. Dasselbe dachte sich Tobias wohl auch, doch sie war schneller. ,,Nein, die Tochter“, sprach sie in den Apparat, ,,was, Marco im Krankenhaus...?“ Dann legte sie auf. Marco war ohnmächtig in einer Toilette gefunden worden. Sie machte einen Schritt nach vorne, und ohne es irgendwie zurückhalten oder kontrollieren zu können, liefen ihr Tränen über's Gesicht. Sie weinte. Weinte, wie sie ewig nicht mehr geweint hatte. Tobias kam auf sie zu und nahm sie in den Arm. Ohne ein Wort zu sagen, hielt er sie einfach in den Armen, wie es noch nie jemand getan hatte.

Trotz der Nachricht, der Angst um Marco, war sie so glücklich, dass Tobias einfach da war, nichts sagte. In jeder ähnlichen Situation wäre sie sonst lieber alleine gewesen, aber jetzt nicht. Es war ihr nicht einmal unangenehm, sich vor ihm so zu öffnen. Plötzlich hatte sie ein unbeschreiblich großen Vertrauen in ihn. Wie lange sie so dastanden, sie wusste es nicht.

Als sie sich etwas beruhigt hatte, fragte Tobias leise: ,,Wollen wir hinfahren?“ Sie nickte. Auf dem langen Weg zum Krankenhaus wechselten die beiden kein Wort. Mit dem Bus waren sie nach einer guten halben Stunde da. ,,Ehm. Entschuldigen Sie“, fragte Tobias eine Schwester, ,,können Sie uns sagen, wo Marco Weber liegt?“ ,,Moment“, sagte sie und ging zu dem Computer, ,,Zimmer 312, dritter Stock.“ ,,Danke.“ Sie fuhren mit dem Fahrstuhl hoch, Tobias setzte sich auf einen Stuhl vor Zimmer 312, Malina klopfte an und trat ein.

Marco lag alleine in dem Zimmer. Er war wach. ,,Malina“, sagte er und man hörte seiner Stimme an, dass er sehr geschwächt war, ,,hätt' nich' damit gerechnet, dass mich jemand besuchen kommt.“ Er versuchte ein Lächeln, was ihm absolut mislang. Die Farge, wie es ihm gehe, sparrte sie sich. Solche Fragen hasste sie, wenn eine Antwort offensichtlich war. Statt dessen wollte sie wissen: ,,Was sagen die Ärzte?“

Es dauerte eine ganze Weile, bis er antwortete: ,,Hmm. Ich hätt' Glück gehabt. Der letzte Schuss könnt' mein Ende sein. Meine Leber würd' das nich' mehr lange mitmachen.“ ,,Dann musst du entziehen“, sagte sie sofort, holte sich einen Stuhl und setzte sich vor das Bett ihres Bruders. Ein kurzes Grinsen zuckte durch sein Gesicht: ,,Ach, Malina. Wenn das so einfach wär'.“ ,,Du musst es nur wollen“, versicherte sie. ,,Das is' schon das erste Problem“, erklärte er, ,,ich will es nich' mehr. Der Tod is' vielleicht besser, als das Leben, das ich führ'.“ Wieder konnte Malina die Tränen nicht unterdrücken. ,,Hey“, sagte er sanft, ,,is' schon okay. Mein Leben is' nun mal so gelaufen. Hatt' nich' viel davon. Aber was soll's? Ich bin ein Fixer und das bleib' ich auch. Auf den ganzen Entzugsscheiß hab' ich kein' Bock. Und dafür bin ich auch nich' der Typ. Kein Ehrgeiz.“ Irgendwie konnte sie ihn sogar verstehen. Sie nickte, um es ihm deutlich zu machen.

,,Hätt'n wir uns unter anderen Umständen und Verhälnissen kennen gelernt, hätt' alles anders sein können. Aber is' schon gut. Schön, dich noch mal geseh'n zu haben“, meinte er mit schwacher Stimme. ,,Ja“, sagte sie, ,,ich gehe dann.“ Einige Sekunden sahen sie sich in die Augen, dann verließ sie das Zimmer. Irgendwie fiel ihr ein großer Stein vom Herzen. Sie war so froh, ihn noch mal gesehen zu haben. Und nun, wo sie wusste, ihm lag nichts mehr am Leben, konnte sie auch damit umgehen, würde er bald tot sein.

Schweigend fuhr sie mit Tobias zurück. Er stellte keine Fragen, war ganz ruhig und gab ihr das Gefühl, dass sie auch nichts sagen musste. Doch als sie dann zu Hause auf Tobias' Matratzen saßen, brach es aus ihr heraus. Ganz ruhig und langsam erzählte sie alles, worüber sie mit Marco geredet hatte und was sie fühlte. Auf einmal hatte sie dieses Gefühl, ihm alles erzählen zu können, alles, was tief in ihrem Herzen war. Er hörte nur zu, lies sie reden.

Plötzlich war er nicht mehr dieser eingebildete, besserwisserische Typ, auch wenn er sich im Grunde als Mensch nicht verändert hatte. Sie wollte es einfach nur nie wahrhaben, was für ein wundervoller Mensch er eigentlich war. Sie hatten so viel gemeinsam, und Tobias hatte es immer gewusst. Sie redeten, unterhielten sich die halbe Nacht lang miteinander, erfuhren noch mehr übereinander, was größtenteils Gemeinsamkeiten waren. Sogar am gleichen Tag hatten sie Geburtstag, nur dass Tobias zwei Jahre früher geboren war.

,,Du hast mich geliebt, von Anfang an.“, sagte er plötzlich, ,,ich wusste es.“ Ein Kribbeln durchströmte ihren Körper von oben bis unten, ihr wurde heiß und kalt gleichzeitig. Ihr Herz raste unnatürlich schnell. Hatter er recht? Ihre Hände schwitzen, als er sie nahm. Und dann küsste er sie und sie wehrte sich nich dagegen.

Von jenem Tag an waren sie zusammen. Durch diese Veränderung würde sich ihr Leben von Grund auf ändern, das wusste sie. Sie war glücklich, wie sie es in ihrem Leben höchstwahrscheinlich noch nie gewesen war.

Und Tobias hatte noch einmal recht gehabt: Lennart hatte Birgit einen Heiratsantrag gemacht. Die Nachricht wurde glücklich überbracht, als die beiden aus dem Urlaub wiedergekommen waren. Ob es nun mit ihrer Mutter und Lennart klappen würde, eins war auf alle Fälle sicher: Sie würde mit Tobias zusammen bleiben.

Der Erste, der sich das durchgelesen hat, bitte bei mir melden, ja? xD


Hehe. Zu spät, Dennis war der erste



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